AHB/Veröffentlichungen



Sparen mit Online-Medien?

Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft Hannoverscher Behördenbibliotheken (AHB)

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von S. Goetz, Dr. J. Gersemann und Dr. F.H. Teßmer
veröffentlicht am 30.01.2004

Seitdem das WWW als Informationsmedium immer mehr an Bedeutung gewinnt, stellt sich die Frage, inwieweit Online-Informationsquellen, die teils frei verfügbar sind, teils kommerziell über das Internet vertrieben werden, zu Einsparungen bei Bibliotheken genutzt werden können. Was verändert sich aber durch die Nutzung dieser neuen Medien tatsächlich und wie groß ist ihr Sparpotenzial wirklich?

Erwerbung

Kosten entstehen unmittelbar mit der Erwerbung von Medien, seien es nun konventionelle oder elektronische Medienarten. Allein der höhere Mehrwertsteuersatz verteuert die elektronischen Medien gegenüber den gedruckten. Auch die Erwerbung selber ist aufwändiger, da im Unterschied zu gedruckten Büchern und Zeitschriften Lizenzen, d.h. Zugriffs- und Nutzungsrechte erworben werden, die während der Nutzungszeit verwaltet und danach neu ausgehandelt werden müssen

Lizenzverträge erlauben i.d.R. keine Dokumentenlieferung, wie sie Bibliotheken im Rahmen des Leihverkehrs und der Amtshilfe [1]  praktizieren. Behördenbibliotheken verschicken auf Anforderung Kopien oder elektronische Dokumente, die innerhalb der Landesverwaltung kostenlos genutzt werden können. Dieses Informationsangebot, von dem alle Landesbehörden profitieren, müssten die Bibliotheken bei einem Abonnement elektronischer Zeitschriften einschränken.

Viele elektronische Informationsangebote sind in Pakete oder Module aufgeteilt, in denen Wichtiges mit Unwichtigem kombiniert wird, was sich in einem hohen Gini-Koeffizienten [2]  ausdrückt. Manche fachlich zusammenhängenden Inhalte sind außerdem auf verschiedene Module verteilt, so dass eine schwierig zu durchschauende Angebots- und Preisstruktur entsteht. Schon jetzt ist das im Land verfügbare Angebot von Online-Informationen durch thematische Überschneidungen zwischen JURIS, Beck-Online, VORIS und kostenlosen Angeboten im WWW gekennzeichnet.

Kommerzielle elektronische Informationsangebote verursachen meist sehr hohe und zudem langfristige Kosten. Um teure Fehlkäufe zu vermeiden, müssen alle fachlichen Aspekte bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden. Bibliothekare kennen durch die tägliche Praxis sowohl den Informationsbedarf ihrer Nutzer als auch die Angebote von Verlagen und Datenbankanbietern, mit denen sie in ständigem Kontakt stehen. Durch verschiedene Formen der Kooperation mit anderen Bibliotheken reduzieren sie Kosten teilweise erheblich, indem sie den Aufbau unnötiger Parallelstrukturen vermeiden oder als Mitglieder von Konsortien zusätzliche Nutzungen (Cross-Access) ermöglichen.

Erschließung

Online-Informationen sind schnell verfügbar. Sofern die technischen Voraussetzungen erfüllt sind, können sie fast jederzeit und nahezu überall genutzt werden. Das ist ihr entscheidender Vorteil herkömmlichen Bibliotheken gegenüber. Das Internet mit seinem größtenteils kostenlosen Informationsangebot ist aber nicht nur Informations-, sondern auch Kommunikationsmedium. Die Recherche mit Suchmaschinen legt eine Ad-hoc-Struktur offen, die nur für eine kurze Zeit existiert. Die Ergebnislisten der Suchmaschinen basieren auf nicht dokumentierten Algorithmen und so manche Platzierung auf den vorderen Rängen ist erkauft oder durch technische Manipulation erreicht worden. Auch die Qualität der Informationen schwankt sehr zugunsten der Informationsvielfalt.

Anders verhält es sich mit Online-Angeboten einzelner kommerzieller Anbieter, deren Qualität und Stabilität im Gegensatz zum frei zugänglichen Teil des WWW gesichert ist. Allerdings müssen solche Angebote in ein Gesamtangebot integriert werden, denn eine Fragmentierung der Informationsquellen führt wegen der unterschiedlichen Rechercheoberflächen und der inkonsistenten sachlichen Erschließung unweigerlich zu Informationsverlusten.

Gefährlich wäre es auch, sich der Einfachheit halber einem einzigen Anbieter "anzuvertrauen", denn die Informations-, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit ist nur gewährleistet, wenn ein breites Spektrum von Informationsquellen genutzt werden kann.

Die Bibliothek erwirbt - übrigens häufig auch kostenlos - Bücher, Zeitschriften, CD-ROMs und zunehmend auch Online-Medien. Sie fasst alle diese Informationsquellen zu einem Gesamtangebot zusammen und erschließt sie formal und sachlich nach fachlichen Kriterien in einem Online-Katalog. Dieser bildet die Grundlage für eine differenzierte Recherche und gewährleistet ein sicheres Auffinden aller Informationen. Die Erschließung von Informationsquellen stellt die notwendige Voraussetzung für ihre Nutzung dar. Von der Qualität der Erschließung hängt der Erfolg der Informationssuche ab und damit auch der Nutzen der für die Informationsinfrastruktur erbrachten Investitionen. Deshalb versucht man die bibliothekarische Erschließung auf das Internet zu übertragen, um zumindest in ausgewählten Teilbereichen die heterogenen und amorphen Daten einer differenzierten Recherche zugänglich zu machen. Dazu dienen z.B. bibliothekarische Metadaten in der Form des sog. Dublin Core Standards.[3] 

Informationsvermittlung und -nutzung

Elektronische Medien sind nicht per se einfacher zu nutzen, was z.B. die "Stefi-Studie" [4] des BMBF eindrucksvoll belegt hat. Nur wer erweiterte, über die einfache "Google-Suche" hinausgehende Recherchetechniken beherrscht und sie durch ständige Praxis übt, kann das gesamte Potenzial von Online-Informationsangeboten ausschöpfen. Wer nur gelegentlich recherchiert, muss meist mehr Zeit investieren und verursacht damit höhere Kosten als ein Informationsspezialist. Dieser nutzt das gesamte verfügbare Informationsangebot, kennt unterschiedliche Datenbankstrukturen und -inhalte und hält sich durch Fortbildung über neueste Entwicklungen auf dem Laufenden.

Digitale Medien bergen vielfältige neue Möglichkeiten der Nutzung in sich, sie stehen aber noch am Anfang eines Differenzierungs- und Entwicklungsprozesses, an dessen Ende sie sich neben oder möglicherweise anstelle der Buchkultur etablieren werden. In ihrer heutigen Form sind sie aber noch kein vollwertiger Ersatz für gedruckte Medien. Deshalb lesen die meisten Menschen längere Texte nicht am Bildschirm, sondern drucken sie aus. Am Bildschirm gelesene Texte sind schwieriger zu verstehen und werden von den Lesern als weniger glaubwürdig erachtet als die identischen gedruckten Texte. Das gilt für Computerprofis und unerfahrene Computernutzer gleichermaßen, wie in einer Studie der Ohio State Universität [5] festgestellt wird. Auch das Versprechen vom "papierlosen Büro" wartet schon seit fast dreißig Jahren auf seine Einlösung.

Die Informationsvermittlung durch eine konventionelle Bibliothek wird deshalb auf längere Sicht eine wichtige Aufgabe bleiben. Auf nicht absehbare Zeit wird nur ein geringer Teil der relevanten Informationen in digitaler Form vorliegen. Mit ihren Freihand- und Magazinbeständen, die spezifisch auf den Informationsbedarf des jeweiligen Hauses ausgerichtet sind, bieten Bibliotheken jederzeit und bequem nutzbare Informationsquellen an. Sie bilden die Nahtstelle zwischen analogen und digitalen Medien und können durch eigene Dokumentenlieferdienste bedarfsgerecht Dokumente online zur Verfügung stellen, ohne dass kostenpflichtige kommerzielle Online-Quellen (Pay per View) genutzt werden müssen.

Fazit

Dank starker Komprimierung und maschinenlesbarer Daten eröffnen digitale Medien interessante und neue Formen der Nutzung. Mit ihrem Dokumentenserver [6] und der "Virtuellen Behördenbibliothek" (VBB)[7] greift die AHB diese neuen Möglichkeiten auf und baut diese Informationsangebote kontinuierlich aus.

Digitale Medien ersetzen in ihrer heutigen Form gedruckte Ausgaben meistens nicht, sondern sind Bestandteil der Medienvielfalt (Druck, Mikroformen, CD-ROM, Online). Angesichts der Vielfalt und Vielzahl von Informationsquellen ist es Aufgabe der Bibliotheken, auf den speziellen Informationsbedarf der Benutzer einzugehen und Information in der jeweils adäquaten Form bereit zu stellen.

Einsparungen bei den Bibliotheken bedeuten Mehrarbeit für die einzelnen Benutzer. An jedem Arbeitsplatz wird das "Rad" (der Informationsbeschaffung) wieder neu erfunden. Was zunächst einfach zu sein scheint und vermeintlich nebenher erledigt werden kann, entpuppt sich als zeitaufwändige Arbeit, die langfristig nicht mehr gründlich bewältigt werden kann.

Dagegen ermöglicht eine Stärkung der Bibliothek als zentrale und professionelle Informationseinrichtung der Behörde eine effektivere Arbeitsweise der Mitarbeiter, die sich auf die Bewertung und Nutzung der Information konzentrieren können. Nicht an der Bibliothek, sondern mit Hilfe einer leistungsfähigen Bibliothek sollte gespart werden

In vielen größeren Anwaltskanzleien, Unternehmensberatungen und anderen Firmen hat sich diese Erkenntnis bereits durchgesetzt und zur Einrichtung von professionell betreuten Spezialbibliotheken geführt, die vielfältige Aufgaben der Informationsversorgung wahrnehmen.

Anschriften der Verfasser:

Dr. J. Gersemann
Bibliothek der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe und des Nieders. Landesamtes für Bodenforschung
E-Mail:
j.gersemann@bgr.de

Stefan Goetz, Bibliothek des Nieders. Ministeriums für den ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz,
E-Mail: stefan.goetz@ml.niedersachsen.de

Dr. F. H. Teßmer
Bibliothek des Nieders. Landtages,
E-Mail: fritz.tessmer@lt.niedersachsen.de

 1. Vgl. dazu den Gesamtvertrag "Kopiendirektversand" zwischen Bund/Ländern und der VG Wort http://www.bibliotheksverband.de/dbv/rechtsgrundlagen/urheberrecht2004.html
 2. Statistisches Verteilungsmaß, dessen Wert zwischen 0 und 1 liegt. Je höher der Wert ist, desto größer ist das Ungleichgewicht. Beispiel: 5% der Zeitschriftentitel machen 80% der Nutzung aus.
 3. http://dublincore.org
 4. http://www.stefi.de/
 5. http://www.acs.ohio-state.edu/units/research/archive/comptext.htm
 6. http://edok.ahb.niedersachsen.de
 7. http://www.behoerdenbibliothek.de